Freitag, 5. Oktober 2007

Trauriges Trocking

Ich und meine beiden Schwestern freuen uns schon irrsinnig auf den bevorstehenden Familienausflug ins tropische Trocking am Äquator . „Griechischer Wein“ singend packen wir sämtliche sommerliche Textilien aus unserem gemeinsam bewirtschafteten, uralten Bauernschrank in einen Koffer mit 4-stelligem Zahlenschloss , verchromten rändern und schlagsicherem Gehäuse . Die Türen des schon etwas heruntergekommenen Land Rovers meiner Eltern geben genau 4 mal , beinahe gleichzeitig , ein Geräusch von sich und kurz darauf verschwinden über 50 negative Assoziationen für zwei Wochen in der vom Auspuff verursachten Emissionswolke Richtung Süden . Wie man sieht hat die Vorfreude die meine Geschwister und ich miteinander teilten auch geteilte Gründe, endlich wurde es einmal belohnt das ich 2 Jahre vor meinen Schwestern aus der Vagina meiner Mutter kroch . Zum ersten mal seit ich mich bei einer Wanderung für 3 Tage ohne Essen verirrt habe und auch fast dabei starb, war ich länger als einen Abend alleine , und das beste dabei ist , dass in diesem Falle länger als ein Abend zwei Wochen bedeuten . Ich löse meinen Blick von dem immer kleiner werdenden Vehikel , doch mehr weil mir die Augen vom Rauch brennen als aus bloßem Sinn für Dramatik , und verkrieche mich ins Haus . Wenn mich doch nur dieser gottverdammte Hund nicht so an die übliche Familienharmonie erinnern würde! Ich packe ihn am mit kleinen Penisen verzierten Halsband und zerre ihn in den Raum der am weitesten von meinem Zimmer entfernt ist , die Abstellkammer , und versperre die Tür . Ich erhoffe mir von dieser Maßnahme ein baldiges dahinscheiden dieses Scheissviehs , denn früher oder später werde ich das Fahrrad aus der Kammer brauchen . Mir gefällt der Gedanke den Kadaver dann zusammen mit dem Fahrrad von der Brücke gleich um die Ecke in den Fluss zu werfen , denn eigentlich hasse ich dieses Leuchtgelbe Citybike - Ha! Das haben sie davon , ich hab doch gesagt ich will ein Mountainbike , aber sie wollten ja nicht auf mich hören . Nun , da ich alleine bin , und man die Seelenruhe im Haus förmlich spüren kann , setze ich mich vor den Fernseher und schalte ihn mittels Fernbedienung ein . Auf Kanal 1 läuft eine blutige Schießerei zwischen Polizisten und schwarzen kriminellen , wobei sich die Polizisten, nachdem sie alle schwarzen kriminellen niedergeschossen haben , lachend und sich die Hände schüttelnd musternd über die Opfer beugen . Relativ amüsant , aber für meinen Geschmack doch etwas zu offensichtlich verdorben . Im nächsten Kanal beobachte ich kurz wie ein, ebenfalls bei seiner Arbeit lachender ,Fernsehkoch ein totes Stück Schwein in zierlich dünne , nahezu ästhetisch wirkende Scheibchen schneidet . Ich greife mit der Hand in meinen BH um mein Taschentuch zur Hand zu nehmen , da ich bemerkt habe das mir seit Kanal 2 Speichel aus dem rechten Mundwinkel rinnt , und wische alles sorgfältig weg . "Hör auf damit, ich habe tierischen Hunger!" rüge ich den Tierverwerter mit immer noch von Speichel geflutetem Mundwerk . Da er sich von meinem Befehl nicht sonderlich beeindruckt zeigt "Zappe" ich weiter in Richtung Totalverblödung . Meine Hand fängt völlig erwarteter Weise irgendwo zwischen Kanal 10 und 15 an sich zu verkrampfen , woraufhin ich synchron mit dem Ende des Satzes einer 13 jährigen asiatischen Prostetuierten im Zuge folgender Aussage im rahmen eines fernsehinterviews "Ich habe mein ganzes Leben weggeworfen" das Leben meiner Fernbedienung durch einen gezielten Wurf auf das Familienphoto an der Nordwand des Zimmers ebenfalls wegwarf . Es ist nur eine Frage der Zeit bis ich auch mein eigenes Leben , vermutlich das einzige das ich habe , ebenfalls beende . Was mir jedoch fehlt ist eine des Selbstmordes würdige Idee , Ich brauche die ästhetik eines Schwans und nicht die einer Ente , eine sämtliche Grenzen der abartigkeit sprengende Variante meine Seele von dieser Welt zu entfernen . Ich will mit der Gewissheit zugrunde gehen dass meine Mutter nicht weint sondern entsetzlich schreit, mein Vater an seiner Trauer zerbricht und nicht nur trauert und mein Tod das zukünftige Leben meiner Schwestern zur Qual macht . Mein Tod wird den ohnehin schon mikrigen Zusammenhalt meiner Familie auf konsequente Weise brechen , und ihre Gehirne mit der Frage "Was denn nur der Grund dafür sei, das ich den unrentablen Tausch von Leben gegen Tod einging" , derartig überfordern das sie nicht mehr in der Lage sein werden auch nur irgendeinen klaren Gedanken zu fassen . Ich werde ihnen etwas antun, auf meine Weise , ich werde mich , so sie mit ihrem wagen erholt vom urlaub die Einfahrtsstraße zum Haus entlang fahren , mit einer derartigen Zielsicherheit unter die Räder werfen , dass sie keine Chance haben werden meine Entscheidung anzuzweifeln , diesesmal gibt es keine Diskussion , und kein wenn und aber , und vor der bestrafung für mein verantwortungsloses Handeln habe ich diesmal keine Angst .

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