Freitag, 5. Oktober 2007

Anna Sidibeh, Unternehmerin aus Gambia, erzählt vom Leben der Frauen in Mehrfachehen und davon, was es bedeutet eine Frau in Gambia zu sein.

„Man fühlt sich als Frau ständig verpflichtet besonders schön und attraktiv für den eigenen Mann zu sein, teilweise aus Angst ersetzt zu werden.“

Könnten sie mir etwas über ihre Kindheit und Jugend erzählen. Gab es viel Konkurrenz zwischen Ihnen und Ihren Brüdern und Schwestern?

Wir sind eine sehr große Familie und ich habe viele Schwestern. Da ich die älteste bin, trug ich auch immer den größten Teil der Verantwortung. Im Familienverbund, den man sich wie ein kleines familiäres Dorf vorstellen muss, gibt es separate Häuser für Jungen und Mädchen. Heiratet ein weibliches Mitglied der Familie, übersiedelt sie üblicherweise in den Verbund der Familie ihres Ehemannes. Die Konkurrenz zwischen Frauen ist besonders hoch, das spürte ich immer mehr umso älter ich wurde. Eine Frau wird in der Öffentlichkeit immer versuchen, ihren Status in angemessener Weise nach außen zu tragen. Ich muss bei Taufen und anderen öffentlichen und zeremoniellen Veranstaltungen meinen Goldschmuck aus Dubai und mein bestes Kleid tragen. Täte ich das nicht, würde man hinter meinem Rücken schlecht über mich und meine Familie reden.

Hat das etwas mit den Erwartungen zu tun, die in eine gute Familie gesetzt werden? Welche Erwartungen hat man in Gambia an Frauen und welche an Männer?

Ja. Man erwartet von mir, dass ich meinen Wohlstand zeige. Andere Leute, und andere Frauen im Besonderen, würden mir nachsagen, von meinem Mann nicht gut versorgt zu werden. Es wird so viel hinter dem Rücken geredet, das stört mich besonders.

An eine Frau werden hohe Erwartungen gestellt. Sowohl von familiärer Seite, als auch von ihrem Ehemann. Sehen sie sich hier um, es gibt keine Frau die nicht den ganzen Tag arbeitet. Zusätzlich wird von ihr als Ehefrau erwartet, ständig für ihren Mann attraktiv zu sein. Die meisten Männer sind faul (lacht). Sie haben jedenfalls einen hohen Preis zu zahlen, wenn sie heiraten. Für den Brautpreis aufkommen zu müssen, ist eine schwere Last für viele junge Männer. Daher können sich viele eine Hochzeit erst recht spät leisten.

Sind Mehrfach-Ehen in Gambia sehr verbreitet?

Ja, sehr. Ich würde sagen, dass in etwa 80% aller Männer in Gambia zwei oder mehr Frauen heiraten. Das schlimme für uns Frauen ist, dass wir ständig Angst haben müssen, unser Mann trifft vielleicht eine Andere. Viele Männer machen es sich auf diese Weise gemütlich. Sie heiraten ihre erste Frau und behalten sie als einzige bis sie älter und weniger attraktiv ist, dann heiraten sie erneut, und zwar eine junge frische. Man fühlt sich als Frau ständig verpflichtet besonders schön und attraktiv für den eigenen Mann zu sein, teilweise aus Angst ersetzt zu werden.

Würde ein Ehepaar darauf hoffen mehr Jungen oder mehr Mädchen zu bekommen?

Die Männer freuen sich normalerweise mehr über einen Sohn, die Frauen mehr über eine Tochter. Das ist an sich nichts außergewöhnliches, ich denke damit geht es vielen ähnlich. Leider wird ein Junge oft auch aus anderen Gründen lieber gesehen. Der Verbund wird eben nur vergrößert, wenn ein Sohn eine Frau heiratet und nicht umgekehrt. Bekommt ein Paar nur Töchter und keine Söhne, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, einen zugeheirateten Mann im Verbund der Frau leben zu lassen, was aber eher selten vorkommt.

Viele Frauen aus Europa kommen nach Gambia um sich mit jungen Männern zu vergnügen, einige zahlen Geld dafür. Wie sehen Sie diese jungen Männer, die sich den Touristinnen verkaufen?

Ich sehe es jeden Tag hier in dieser Strandbar, es ist wie Kino. Für viele hat es jedoch einen ernsten Hintergrund. Sie wissen, es gibt nicht viele Möglichkeiten der Erwerbstätigkeit für junge GambianerInnen in ihrem eigenen Land. Der Tourismus ist für viele die einzige Möglichkeit, an mehr Geld zu kommen. Ein Teil des Tourismus ist eben der sogenannte „Sex Tourismus“. Die Männer erwarten sich oft einfach nur ein Ticket nach Europa, oder zumindest Unterstützung. Es ist sehr leicht psychisch in eine zwischenmenschliche Beziehung verwickelt zu werden, das machen sich hier viele junge Männer zunutze. Ich kenne ein älteres Ehepaar aus England. Sie vergnügt sich mit einem jungen Gambianer, er sieht zu und toleriert es. Es scheint ihn nicht zu stören.

1 Kommentar:

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