Innere und äußere Gegensätze, eine Reise in das warme Herz von Bangladesh.
Als ich am Flughafen in Bangkok auf meinen Flug nach Dhaka wartete, versuchte man mir die Reise in dieses „gefährliche“ Land auszureden. Dort angekommen verstand man nicht warum ich ausgerechnet in die unbequeme Altstadt einzutauchen plante, auch dieses Vorhaben versuchte man mir auszureden. Nach einem Monat in diesem wundervollen Land der Gegensätze versuchte mich mein Herz letztendlich davon abzuhalten dieses Land jemals wieder zu verlassen. All diesen Warnungen setzte ich meine Pläne selbstbewusst entgegen und widerstand, bei letzterer Entscheidung plagten mich jedoch emotionale bedenken.
Nicht viele Erwartungen zu haben sollte einem bekanntlich davor bewahren enttäuscht zu werden. In meinem Fall fühlte in dem Moment, indem sich das Flugzeug langsam auf das schimmernde Lichtermeer von Dhaka herabsenkte, dass sich alle Ängste, Erwartungen und Hoffnungen in mir auflösten., sich verwandelten in ein Gefühl der rastlosen Vorfreude auf ein intensives Leben im Moment. Jeder Schritt der mich näher zum Flughafenausgang brachte, strich eine weitere Zeile Bedenken aus meinem Kopf. Tief und gierig inhalierte ich den Geruch von Millionen von Menschen, pulsierenden Straßen und einer ganzen Menge Aufregung, ich war da, in Dhaka – Bangladesh.
Überschwemmungen, Hunger und Armut sind die üblichen Assoziationen die in Verbindung mit diesem Land entstehen, was nicht als falsch abzutun ist, lediglich vorenthält, dass auch am Rande der breitesten Wolkendecke irgendwo kräftig die Sonne scheint. Am Tag präsentieren sich die Straßen und Gassen der 10 Millionen Stadt undurchschaubar, staubig und zugegebener Maßen für unaufmerksame Fußgänger nicht ungefährlich, dennoch wäre es unfair zu sagen es herrsche Chaos, denn es bewegt sich und bewegt sich, kontinuierlich, irgendwie. In der Nacht, wenn teile Dhakas ohne Strom bleiben, die engen Gassen der Altstadt zum Leben erwachen und Rikshas mit Laternen beleuchtet überall zu sein scheinen, dann zeigt sich vieles von einer ganz anderen, romantischen Seite, ohne dabei die richtige Dosis an Unordnung zu verlieren.
3 Nobelpreisträger hat Bangladesh zu verzeichnen. Rabindranath Tagore für Literatur(1913), Amartya Sen für Ökonomie(1998) und Mohammad Yunus für Frieden(2006).
Bangladesh ist wahrlich ein Land der Gegensätze, in sich und nach außen. Die Politik und ihre korrupten Akteure versuchen der langsam wachsenden Mittelschicht „modernen“ Honig um die Lippen zu schmieren, während der Großteil der Bevölkerung zusieht wie sich dieser Kleinteil einen großen Teil aus dem Kuchen herausschneidet. Konkret äußert sich das in Projekten wie „Fantasy Kingdom“, ein Millionenschwerer Vergnügungspark zur Unterhaltung eben jener genannten, ökonomisch privilegierten Minderheit. Während sich also die vergnügten Köpfe in der Achterbahn für viel Geld im Kreis drehen, drehen sich die weniger vergnügten Beine der Riksha Fahrer Tag für Tag für einen Hungerlohn in den Pedalen. Demonstrationen gibt es so gut wie jede Woche, wer eine Meinung hat, schafft sich Platz dafür.
In Bangladesh leben auf einer Fläche die nicht ganz halb so Groß ist wie jene Deutschlands über 140 Millionen Menschen.
Schon an meinem dritten Tag im Land hatte ich das Glück den besten Bengalen kennen zu lernen, den ich mir hätte wünschen können. Mizan ist 24 und studiert angewandte Chemie an der Universität in Dhaka. Er sprach mich an als ich durch das ruhige Grün des Campus spazierte. Unsere Unterhaltung schien kein Ende zu nehmen, so beschlossen wir, insgeheim jeder für sich, dass wir in den nächsten vier Wochen viel Zeit miteinander verbringen werden. Ohne einmal mit der Wimper zu zucken, bot er mir einen Schlafplatz in der „Student’s Hall“ an, lud mich in sein Heimatdorf ein und schenkte mir ein noch viel wertvolleres Gut, nämlich seine ehrliche Freundschaft. Unsere gemeinsame Reise in den Ort in dem er aufwuchs und zur Schule ging wurde durch weitere Verwandtschaftsbesuche am Weg erweitert. Wir sprachen viel über den Islam, Weltpolitik und Bangladesh im konkreten. Immer wieder öffneten sich Gesprächsräume über Freiheit, Gerechtigkeit, Menschenrechte sowie Frauen im Islam und in Europa. In verschiedenen Gesprächen mit den unterschiedlichsten Menschen, suchte man meine Meinungen über den Islam, das Christentum, den Libanonkrieg und das Existenzrecht von Israel, den Kommunismus und die Demokratie zu erfragen. Letztendlich kam ich zu einem für mich sehr wichtigen Schluss. Vieles, was man mir als „Vertreter der westlichen Welt“ versuchte in den Mund zu legen war von Symbolbildern über den Westen geprägt. Die Laszivität der europäischen Frauen wird direkt mit AIDS assoziiert, die kapitalgesellschaftliche Globalisierung und der Kapitalismus der über Korruption und falsche Investitionen sichtbar wird und viel in ihrem Land zerstört, wird als westliches Dogma generalisiert. Gleichzeitig stellte ich fest, dass viele in mir verankerte Bilder über den Islam oder den Orient aus ebensolchen Symbolen bestehen, ganz einfach konstruiert wurden. Die latente Panik vor Fundamentalismen machte es mir oft schwer, mich mit der Frauenrechtsfrage unparteiisch auseinander zu setzen. Diese Panik, so subtil sie auch sein mag, wurde ebenfalls von Symbolen aus meinem sozialen Umfeld und den Medien beeinflusst. So stellt sich für mich die Frage, ob wir überhaupt von wahrhaftigen Auffassungen über andere Kulturen sprechen können, ob es also so etwas wie einen Kampf der Kulturen geben kann, wenn kulturelle Eigenheiten von allen Seiten in Kulturkreise impliziert und über Symbole vermittelt werden. Um mit der Aussage, man bekämpfe eine Kultur, ernst genommen zu werden, müsste man viel Zeit in dieser verbringen um somit wirklich dagegen sein zu können. Denn über die alte Redensart „was der Bauer net kennt, frisst er net“, sind wir hoffentlich hinweg.
Mizan und seine Verwandten waren nicht nur gute DiskutantInnen, sondern sind mir die herzlichsten Menschen geblieben denen ich jemals begnetete. In Nurnagar, einem kleinen Ort am nördlichen Ende des größten Mangrovenwaldes der Welt, den Sundarbans, besuchten wir Mizans Eltern für vier Tage. Sein Vater führt ein kleines Geschäft und wird zudem als „Snake Doctor“ im Dorf hoch angesehen. Wenn im Reisfeld ein Arbeiter oder eine Arbeiterin von einer giftigen Schlange gebissen wird, ist er meistens die erste Anlaufstelle. Mit Versen aus dem Koran, traditioneller Medizin und einem starken Glauben des Patienten wird das Gift im Idealfall aus dem Körper vertrieben. Schulmedizinische Einrichtungen gibt es hier, abgesehen von einem Arzt, keine. Die Mittel zur Verbesserung fehlen in Bangladesh leider viel zu oft. Fünfhundert Meter weiter die Straße hinauf besuchten wir eine muslimische Organisation, die an bedürftige Menschen Medizin verteilt. Homöopathie ist das, was zur Verfügung steht, und zwar eine Stunde pro Woche für die am schwersten erkrankten, ein gut gemeinter Tropfen auf den heißen Stein. Wer es sich leisten kann, fährt mit dem Bus nach Dhaka ins Krankenhaus.
Eine Tasse süße Tasse Cha kostet 3 Taka, umgerechnet in etwa 4 Cent.
Wie man in einem Lehmhaus gemütlich zusammenlebt durfte ich erfahren, die glücklichen Gesichter vieler Menschen Tag für Tag lesen. Reis gab es in den verschiedensten Variationen mit murgi(Huhn), mach(Fisch), shobji(Gemüse) oder dim(Ei). Niemals hatte ich mehr gegessen als in diesen 4 Tagen, und ich dachte immer, von Reis würde man nicht satt werden. Die unbeschreibliche Gastfreundschaft der Bengalen brachte mich zum Staunen und gleichzeitig zum Zweifeln über mich selbst und unsere oft etwas kalte, starre Gesellschaft. Vielleicht tragen diese Menschen eine Weisheit in sich, die davon spricht, dass sich jedes Blatt im Wind einmal wendet. Falls sich nichts wendet und alles beim alten bleibt, dann setzt man sich vielleicht im „lungi“ oder „sharee“ gekleidet auf eine Matte und trinkt „ek cup cha“(eine Tasse Tee), mit Blick auf die grünen Reisfelder eines Landes, durch das mehr Wasser fließt als durch ganz Europa.
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