Ein Querschnitt durch Stadt, Land und Leute.
Die Hauptstadt Litauens wird 2009 zusammen mit Linz Kulturhauptstadt Europas sein. Mit einem breiten Kulturprogramm, neuen Visionen und vielen Projekten wirbt die Stadt Vilnius jetzt schon für das bevorstehende Ereignis. Angrenzend an Polen, Weißrussland, Lettland und der Russischen Exklave Kaliningrad, hat das 3.5 Millionen Land Litauen einiges an bewegender Geschichte und Gegenwart zu bieten. Die bezaubernde mittelalterliche Altstadt von Vilnius ist dabei das historische Herz einer Stadt, die sich laufend verändert, ohne dabei an Charakter zu verlieren. Jahrhunderte besetzt von Polen, dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, erlangte Litauen am 11. März 1990 die hart erkämpfte Unabhängigkeit und wählte sich 2003 mit überragender Zustimmung in die EU. Eines steht fest, viel weiter östlich als nach Litauen kommt man innerhalb der Europäischen Union ohne Reisepass nicht. Muss man vielleicht auch nicht.
Spaziert man durch die Altstadt in Vilnius und verirrt sich, kann man sich glücklich schätzen, denn gerade dann wird man über die eine oder andere, faszinierende Einzelheit stolpern. Kleine Bäckereien und Schokoladengeschäfte bieten Süßes in vielen Variationen, in versteckten „Second-Hand“ Geschäften findet man alles vom Nikolaus-Kostüm bis zur signierten russischen Schalplatte, und wenn man erschöpft ist, kann man je nach Geschmack in einer der unzähligen Kirchen zuflucht suchen, oder sich ein gutes litauisches Bier in einer gemütlichen Gaststube gönnen. Für umgerechnet zwei Euro bekommt man ein Glas Bier in der Altstadt, spaziert man jedoch 15 Minuten in Richtung Bahnhof, findet man dasselbe auch um die Hälfte. Dort sind die Gebraucht-Kleider Geschäfte in der Überzahl, die Einrichtung vieler Bars scheint seit zwanzig Jahren unverändert und die Preise sind so gehalten, dass sie sich nicht nur Touristen und Gutverdiener leisten können. Litauen hat viele Gesichter, deren Extreme zeigen sich in Vilnius von vielen Seiten. Während glänzende Autos vor glamourösen Nacht-Klubs parken, haben viele Probleme rund 10 Euro pro Monat für öffentliche Verkehrsmittel auszugeben. Dass täglich meterlange amerikanische Limousinen Hochzeits-Gesellschaften durch die Stadt fahren, kann man symbolisch für einen neuen Reichtum sehen, den zurzeit noch wenige genießen können. Nicht zuletzt ist es die EU in die viele ihre Hoffnung auf ökonomische Besserstellung setzen. Das durchschnittliche Monatseinkommen in Litauen beträgt in etwa 560 Euro und liegt damit weit unter dem EU-Durchschnitt. Der Grund für die immer noch sehr hohe Emigration, 2006 waren es mehr als 12.000, hat offensichtlich nichts mit der Atmosphäre des Landes zu tun, sondern scheint Ausdruck schlechter ökonomischer Verhältnisse zu sein. Von solch unangenehmen Wahrheiten nimmt man in der Hauptstadt nur dann Notiz, wenn man längere Zeit dort verbringt, mit den Menschen spricht und ein wenig hinter die Kulissen blickt. Oft sind es die flüchtigen Begegnungen des Alltags aus denen man Schlüsse zieht. Mit „labai aciu“ – vielen dank, bedankt sich eine ältere Dame, nachdem ich ihr ein zwei Lita Stück in die Hand gebe. Sie ist eine von vielen älteren Frauen, die sich ihren Lebensunterhalt mit betteln verdienen müssen. Die farbenfrohe Schminke in ihrem Gesicht, der rote Damenhut und ein dicker Pelzmantel machen sie jedoch zu einer stil- und würdevollen Erscheinung. Das Gerücht um die Schönheit der Litauischen Frauen bestätigt sich jedenfalls bei einem Besuch der belebten Innenstadt von Vilnius. Frauen bilden zudem den größeren Teil der litauischen Bevölkerung und befinden sich mit rund 54% gegenüber den Männern in der eindeutigen Mehrheit. Neben einem breiten kulturellen Angebot aus Oper, Theater, Kunst und Musik hat Vilnius auch ein bewegtes Nachtleben zu bieten. Das Spektrum erstreckt sich von der Vodka-getränkten russischen Diskothek bis hin zur Sky-Bar am Dach eines Wolkenkratzers mit Weitblick über die Stadt. Vor allem im Sommer locken sonnige Gastgärten in den Altstadtgassen und an weiten Plätzen zum genießen. Will man mehr von Litauen sehen als nur die Hauptstadt, sollte man die geringen Mühen nicht scheuen und das gute Bus- und Bahnnetzwerk für kurze und weite Reisen ins Inland heranziehen. Das nahe gelegene Märchenschloss Trakai, die Kurische Nehrung, - eine 98 km lange Halbinsel mit langen Stränden und weiten Pinienwäldern und nicht zuletzt der „Berg der Kreuze“, - ein katholischer Wallfahrtsort mit tausenden von Kreuzen, aufgestellt von Pilgern aus aller Welt, sind nur einige der vielen attraktiven Ausflugsziele. Es ist die Mischung aus einer vielseitigen Hauptstadt mit historischer Atmosphäre, interessanten Ausflugszielen, bewegender Geschichte und dynamischer Gegenwart, die eine Reise nach Litauen zum abwechslungsreichen Erlebnis machen. Vilnius wird 2009 die Chance bekommen, sich international von der besten Seite zu zeigen. Wer es bis dahin nicht erwarten will, wird mit Sicherheit belohnt, denn gerade die Unberührtheit und der noch relativ geringe Tourismus machen diese einmalige Stadt zu einer besonderen Erfahrung.