Ich dämpfe meine Zigarette aus und wende mich mit einem leisen, aber ehrlichen Seufzer einem jungen, männlichen Kunden zu. „Ist der Film gut?“ fragt er mich in der für ihn selbstverständlichen Erwartung, dass ich den Inhalt aller Filme kenne.
„Ja, der ist besonders gut“ sage ich mit überzeugter Stimme. “Die lustigen Sexspielchen unserer Nachbarn“ lese ich auf dem Etikett, und reiche ihm den Film über den Verkaufstisch, jedoch nicht ohne zum Abschied missbilligend zu grinsen. Ich sehe die Wanduhr auf zehn vor fünf stehen, werfe einen Blick zwischen die Regale, so niemand da ist nehme ich meinen Lottoschein zur Hand, und setze geschwind meine Kreuzerl auf die Zahlen sieben, sechzehn, siebenundzwanzig, sechsunddreißig, siebenunddreißig, sechsundvierzig und die Zusatzzahl, denke ich mir in der klaren Stimme der Lotto-Dame, muss die Nummer acht sein! Ich falte den Zettel auf pedantische Art genau zweimal, ziehe die Kanten mit dem Daumennagel nach, sowie ich meinen Kollegen bei der Tür vernehme gehe ich ihm entgegen, wir wechseln kurz Worte und tauschen sodann Freizeit und Arbeit untereinander aus. Es endet die fünfte Nachmittagsstunde eines sonnigen, aber kalten Wintertages, von einer Katastrophe noch nichts ahnend, fahre ich mit meinem altersschwachen Peugeot in meine Wohnung. Ich treibe auf Gedanken und Erinnerungen, sowie zumeist während des Autofahrens, doch quält mich ein Gefühl, welches ich nicht einzuordnen vermag. Wintersmüde lege ich mich, nachdem ich gegessen habe ins Bett. Ich träume von läutenden Glocken, ein Läuten das immer lauter und realer wird, und als sich mir plötzlich die Lieder öffnen, sehe ich in das lärmende, tobende Gesicht meines Weckers. Eine Zeit lang kämpfe ich noch mit dem Aufstehen, bis ich mich letztendlich, von Maulwurfsmimik gezeichnet im Bad dem Spiegel stelle. Wie jeden Morgen quäle ich mich durch die rituellen Waschungen, und die obligate Nahrungsaufnahme, fürchte schon jetzt die draußen lauernde beißende Kälte. Dem nicht genug, befreie ich auch noch die Scheiben meines Wagens vom Nachteis, ehe ich nach mehrmaligen Startversuchen angewidert in die Videothek fahre. Bei mir offenbart sich die Stimmung die mich den Tag lang begleiten wird leider allzu oft bereits am Morgen, lieblich konsequent setzt sie sich noch Stunden nach dem eigentlichen Stimmungstief fort. Ich gehe vom Auto zur Eingangstür der Videothek, ziehe die Post hinter der Türschnalle heraus, greife mit der anderen Hand zum Schlüssel und stecke ihn in das Loch. Ich muss fest daran Rütteln, unerwartet öffnet sie sich, und bringt mich beinahe zu Fall. Wie bei einer Schlägerei, wenn das Gegenüber ausweicht denke ich mir. Mit dem Einrasten der Tür hinter mir, macht sich ein unangenehmes Gefühl in mir breit, es ist diese erdrückende Leere eines schlecht beleuchteten, großen Videofilm-staubigen Raumes, die ich immer mit diesem Geräusch zusammen erfahre. Nun gilt es zu kontrollieren ob die Filme alle ordentlich auf ihrem Platz stehen, jedoch habe ich keine Lust darauf, der Chef kommt heute ohnehin nicht. Von der rauchigen Luft verführt, zünde ich mir die erste Zigarette an, und inhaliere den Rauch tief und genüsslich. An so einem Tag wie heute freue ich mich auf den ersten Kunden, der wie ich hoffe ein gesprächiger sein wird. Man fühlt sich oft so alleine auf dieser Welt. Eben damit beschäftigt die drei Fernseher auf den Sportkanal einzuschalten, höre ich schon wie sich die Tür öffnet, und sich mit großen schweren Schritten jemand nähert. „Morgen“, sage ich ihm schon bevor ich ihn sehe entgegen. Er erwidert meinen Gruß ohne mich anzusehen, und geht geradewegs zur Kassa. Er scheint groß zu sein, 1,90 vielleicht, und ist ganz in schwarz gekleidet, als ob er damit die offensichtliche Bleiche seines Gesichtes hervorzuheben gedenkt. Ich folge ihm, und er legt - erneut ohne mich anzusehen - den Film auf den Ladentisch und blickt ausweichend umher. „Macht 2,20“, sage ich. Er legt das Geld kommentarlos hin, verleiht seiner Handlung durch den Lärm mit dem er die Münze auf das Holz drückt jedoch zureichend Deutlichkeit. So teilnahmslos wie er gekommen ist, geht er auch wieder, wie ein Phantom, der Vorbote eines schlechten Tages denke ich mir. Eines normalen schlechten Tages. Der Tag setzt sich auf gewohnt monotone Weise fort, in etwa viertelstündlich blicke ich auf die Uhr, und bediene einen Kunden nach dem anderen. Doch bediene ich in Wirklichkeit niemanden, außer der Zeit die lachend auf mich herabblickt, und ihr Urteil mit Genuss ganz langsam vollstreckt. Es ist gerade vierzehn Uhr, als ich die letzte Zigarette aus meiner Schachtel ziehe. Dann, als ob Sucht und Feuer einen Packt gegen mich geschlossen hätten, sehe ich mich das letzte Streichholz herausnehmen. Ich durchsuche die Taschen meiner Jacke nach einem Feuerzeug, grabe tief und genau, als ich ein Stück Papier spüre, ziehe ich es hastig heraus. Mich durchfährt ein kurzer Schreck, ein ebensolches Gefühl das man verspürt wenn man etwas Wichtiges vergisst, wie einen Lottoschein aufzugeben. Ein Teil meiner alltäglichen Monotonie wurde durch diesen Fehler gestört, ich vergesse normalerweise nie, diesen blöden Schein aufzugeben. Doch von meiner primären Sucht getrieben stecke ich ihn zurück in die Tasche, denke mir „was soll’s“, und setze meine Suche nach Streichhölzern fort. Als ich keine finde, zünde ich meine letzte Zigarette mit dem gleichsam letzten Streichholz an, und fühle mich wie so oft, als Versager. Wieso muss immer alles so verkehrt laufen? Ich verfluche diesen Ort, mein zu Hause, mein Auto, die Streichholzindustrie, die Lottoindustrie, einfach alles, und wenn ich Freunde hätte, würde ich diese wohl auch verfluchen. Ein Mann tritt aus dem Vorhang der den Porno Bereich vom Kinderfreundlichen abtrennt hervor und kommt seinen Blick fest auf mich gerichtet näher. „Tag mein Herr“; begrüßt er mich mit überzogener Freundlichkeit. Er legt das Kärtchen mit der Filmnummer auf den Tisch, ein Mann von kleinem Wuchs, etwas ungepflegt, mit wachem, forschendem Blick. Während ich den Film im Regal suche, höre ich ihn mit etwas Rascheln, und als ich mich ihm zuwende sehe ich ihn, mit schier animalischer Gier einen Schokoriegel in sich hineinstopfen. “Hier bitte, Documents of Sin“, sage ich während ich ihm den Film rüberschiebe. „Ja, der is sicher Geil“, sagt er schmatzend. Er öffnet den Film, scheinbar um den Titel zu kontrollieren, und will etwas sagen, doch als ihm ein Stück Schokolade aus dem Mund fällt, hält er kurz inne, nickt noch etwas verlegen und geht. Ich kenne diesen Mann, er ist öfters hier, borgt ich Pornos aus und kommt schon nach zwei Stunden wieder und gibt sie zufrieden über seinen selbst inszenierten Ritt wieder zurück. Mir ekelt es vor diesem Menschen, auch wenn dieser Ekel nicht frei von Mitleid ist, ein bemitleidenswertes Geschöpf, das als letzten Ausweg aus seiner Unfähigkeit dem anderen Geschlecht zu begegnen, die zwanghafte Selbstbefriedigung sieht. Die Zeit scheint nun auf Versöhnung aus zu sein, denn die letzten Stunden verstreichen recht schnell. Man hat oft nur das lang ersehnte Ende eines Arbeitstages im Kopf und vergisst darauf die Zeit wahrzunehmen, und wahrnehmen heißt in meinem Falle, ständig auf die Uhr zu sehen. Das erste Mal seit acht Stunden verspüre ich wahre Freude, und beginne, wohl aus plötzlichem Glücksgefühl heraus, zu pfeifen. Diese freudige Stimmung, setzt sich ganz entgegen meiner Natur noch eine Zeit lang fort. Alles scheint sich mir plötzlich viel unbeschwerlicher zu öffnen, und wenn ich guten Gemüts bin, was selten der Fall ist, brauche ich nicht nach dem Sinn alltäglicher Handlungen zu suchen, dann sind es die Handlungen selbst die Sinnstiftend sind. Handlungen wie eine Tür ohne größere Probleme zu öffnen und anschließend wieder zu schließen. Bald werde ich zu Hause sein, die Kühlschranktür öffnen, und damit das Fundament für einen gemütlichen Fernseh-Abend legen.
Das rauschen des Fernsehers deckt sich mittlerweile mit dem Summen des Kühlschranks und dem Gluckern des Heizkörpers, wenn ich ein Radio hätte würde es dieses harmonische Zusammenspiel mit Sicherheit bereichern. Vier glorreiche Erfindungen unserer Zeit. Kühlschrank kühlt, Heizkörper wärmt, Radio irritiert, Fernseher macht dumm. Es wird Zeit für die Lottoziehung und ich bin mir nicht sicher ob es eine gute Idee ist den Schein doch noch aus der Tasche zu holen, letztendlich werde ich aber doch nichts gewinnen, also bin ich masochistisch genug und hole ihn.
sieben, sechzehn, siebenundzwanzig, sechsunddreißig, siebenunddreißig, sechsundvierzig und die Zusatzzahl, höre ich in der fatalen Stimme der Lotto-Dame, ist die Nummer acht!
Mir wird ein wenig heiß im Kopf und ich merke wie sich die volle Kontrolle über meine Glieder löst. Das Summen des Fernsehers wird plötzlich wichtiger als die Symphonie der restlichen Geräte. Mir wird übel und ich will mich übergeben. Ich vergleiche die Nummern wieder und wieder und will es einfach nicht glauben. Ich habe einige theoretisch gewonnene Millionen praktisch verloren. Das Haus, die Yacht an der Costa Smeralda, die Frauen, der Fame, the money and the honey - alles verloren.
Menschen in schönen Häusern mit einer netten Familie haben es schön, Hunde haben es schön, mein Nachbar hat es schön, er ist 87 und hat eine attraktive rumänische Pflegehilfe die ihn täglich füttert. Menschen die täglich in einer heruntergekommenen Videothek mit heruntergekommenen Kunden über heruntergekommene Filme sprechen und alle fünf Minuten auf eine Uhr starren haben es nicht schön. Solche Menschen sind zum verlieren geboren. Ich vergesse plötzlich meine Vergangenheit, meine Zukunft und meine Gegenwart, denn nur eine einzige Macht hält mich in diesen Minuten der Verzweiflung voll und ganz in ihrem Bann. Die Macht des Geldes und die Tatsache, dass ich den Gewinn meines Lebens aufgrund einer vergesslichen Eigenschaft meiner bemitleidenswerten Person verspielt habe. Geld tritt hier an die Stelle von allem was ich mir immer erträumt habe. Meine grundsätzliche Lethargie hätte sich in manischen Produktivitätsdrang verwandelt. Kaufen ist Produktivität, Glücklich-Sein ist Produktivität. Die theoretische Verfügbarkeit von Millionen lässt mich über Dinge phantasieren die zu erreichen ich nie erträumt hätte. Dinge die heutzutage begehrter sind, als die Werte die sie repräsentieren. Haus, Yacht, Mercedes sind Wohlstand, sind „Glück“, sind Prestige. Frauen, Familie, Ansehen sind Sinn, sind ein respektables Leben führen. Respekt ist Glück.
Aufgrund dieses niederschmetternd-aufbauenden Ereignisses in meinem Leben wurde ich zum personifizierten Mercedes in charakterlicher Symetrie mit meinem alten Peugeot, zum Haus im Mensch, zur Yacht wenn ich in meiner Badewanne Bade und zum Frauenschwarm wenn ich mein erstes Date seit über zwei Jahren antrete. Ich habe gelernt mich nicht auf materiellen Wert-Ersatz zu verlassen, denn ich durfte die Vergänglichkeit von Geld innerhalb weniger Minuten durch meinen theoretischen Frauenschwarm-Körper davon rauschen spüren.
Ich brauche jetzt keine teuren Dinge mehr, denn ich bin das Ding und alles was es inkorporiert. Scheiss auf die Dinge. Wer braucht sie schon, diese hochgelobten Lotto-Gewinn-Dinge.