Sonntag, 30. Dezember 2007

Vilnius wird 2009 Kulturhauptstadt Europas sein. Doch was gibt es dort jetzt schon zu sehen und zu erleben?

Ein Querschnitt durch Stadt, Land und Leute.

Die Hauptstadt Litauens wird 2009 zusammen mit Linz Kulturhauptstadt Europas sein. Mit einem breiten Kulturprogramm, neuen Visionen und vielen Projekten wirbt die Stadt Vilnius jetzt schon für das bevorstehende Ereignis. Angrenzend an Polen, Weißrussland, Lettland und der Russischen Exklave Kaliningrad, hat das 3.5 Millionen Land Litauen einiges an bewegender Geschichte und Gegenwart zu bieten. Die bezaubernde mittelalterliche Altstadt von Vilnius ist dabei das historische Herz einer Stadt, die sich laufend verändert, ohne dabei an Charakter zu verlieren. Jahrhunderte besetzt von Polen, dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, erlangte Litauen am 11. März 1990 die hart erkämpfte Unabhängigkeit und wählte sich 2003 mit überragender Zustimmung in die EU. Eines steht fest, viel weiter östlich als nach Litauen kommt man innerhalb der Europäischen Union ohne Reisepass nicht. Muss man vielleicht auch nicht.

Spaziert man durch die Altstadt in Vilnius und verirrt sich, kann man sich glücklich schätzen, denn gerade dann wird man über die eine oder andere, faszinierende Einzelheit stolpern. Kleine Bäckereien und Schokoladengeschäfte bieten Süßes in vielen Variationen, in versteckten „Second-Hand“ Geschäften findet man alles vom Nikolaus-Kostüm bis zur signierten russischen Schalplatte, und wenn man erschöpft ist, kann man je nach Geschmack in einer der unzähligen Kirchen zuflucht suchen, oder sich ein gutes litauisches Bier in einer gemütlichen Gaststube gönnen. Für umgerechnet zwei Euro bekommt man ein Glas Bier in der Altstadt, spaziert man jedoch 15 Minuten in Richtung Bahnhof, findet man dasselbe auch um die Hälfte. Dort sind die Gebraucht-Kleider Geschäfte in der Überzahl, die Einrichtung vieler Bars scheint seit zwanzig Jahren unverändert und die Preise sind so gehalten, dass sie sich nicht nur Touristen und Gutverdiener leisten können. Litauen hat viele Gesichter, deren Extreme zeigen sich in Vilnius von vielen Seiten. Während glänzende Autos vor glamourösen Nacht-Klubs parken, haben viele Probleme rund 10 Euro pro Monat für öffentliche Verkehrsmittel auszugeben. Dass täglich meterlange amerikanische Limousinen Hochzeits-Gesellschaften durch die Stadt fahren, kann man symbolisch für einen neuen Reichtum sehen, den zurzeit noch wenige genießen können. Nicht zuletzt ist es die EU in die viele ihre Hoffnung auf ökonomische Besserstellung setzen. Das durchschnittliche Monatseinkommen in Litauen beträgt in etwa 560 Euro und liegt damit weit unter dem EU-Durchschnitt. Der Grund für die immer noch sehr hohe Emigration, 2006 waren es mehr als 12.000, hat offensichtlich nichts mit der Atmosphäre des Landes zu tun, sondern scheint Ausdruck schlechter ökonomischer Verhältnisse zu sein. Von solch unangenehmen Wahrheiten nimmt man in der Hauptstadt nur dann Notiz, wenn man längere Zeit dort verbringt, mit den Menschen spricht und ein wenig hinter die Kulissen blickt. Oft sind es die flüchtigen Begegnungen des Alltags aus denen man Schlüsse zieht. Mit „labai aciu“ – vielen dank, bedankt sich eine ältere Dame, nachdem ich ihr ein zwei Lita Stück in die Hand gebe. Sie ist eine von vielen älteren Frauen, die sich ihren Lebensunterhalt mit betteln verdienen müssen. Die farbenfrohe Schminke in ihrem Gesicht, der rote Damenhut und ein dicker Pelzmantel machen sie jedoch zu einer stil- und würdevollen Erscheinung. Das Gerücht um die Schönheit der Litauischen Frauen bestätigt sich jedenfalls bei einem Besuch der belebten Innenstadt von Vilnius. Frauen bilden zudem den größeren Teil der litauischen Bevölkerung und befinden sich mit rund 54% gegenüber den Männern in der eindeutigen Mehrheit. Neben einem breiten kulturellen Angebot aus Oper, Theater, Kunst und Musik hat Vilnius auch ein bewegtes Nachtleben zu bieten. Das Spektrum erstreckt sich von der Vodka-getränkten russischen Diskothek bis hin zur Sky-Bar am Dach eines Wolkenkratzers mit Weitblick über die Stadt. Vor allem im Sommer locken sonnige Gastgärten in den Altstadtgassen und an weiten Plätzen zum genießen. Will man mehr von Litauen sehen als nur die Hauptstadt, sollte man die geringen Mühen nicht scheuen und das gute Bus- und Bahnnetzwerk für kurze und weite Reisen ins Inland heranziehen. Das nahe gelegene Märchenschloss Trakai, die Kurische Nehrung, - eine 98 km lange Halbinsel mit langen Stränden und weiten Pinienwäldern und nicht zuletzt der „Berg der Kreuze“, - ein katholischer Wallfahrtsort mit tausenden von Kreuzen, aufgestellt von Pilgern aus aller Welt, sind nur einige der vielen attraktiven Ausflugsziele. Es ist die Mischung aus einer vielseitigen Hauptstadt mit historischer Atmosphäre, interessanten Ausflugszielen, bewegender Geschichte und dynamischer Gegenwart, die eine Reise nach Litauen zum abwechslungsreichen Erlebnis machen. Vilnius wird 2009 die Chance bekommen, sich international von der besten Seite zu zeigen. Wer es bis dahin nicht erwarten will, wird mit Sicherheit belohnt, denn gerade die Unberührtheit und der noch relativ geringe Tourismus machen diese einmalige Stadt zu einer besonderen Erfahrung.

Freitag, 5. Oktober 2007

Vereint allein

Er zieht die Kreditkarte durch den dafür vorgesehenen Schlitz, bezahlt wird immer im Voraus, und fährt sich mit der selben, gerade um 90 Euro ärmer gewordenen Hand, durch das schüttere Haar. Im Schambereich gibt es bei ihm nichts schütteres, das wird auch die soeben mit Kreditkarte erworbene lustvolle Stunde feststellen. Er gibt ihr Geld, sie ihm Geschlechtsverkehr. Sie kann dann mit dem Geld etwas anfangen, es investieren, sich ein schönes Leben machen. Er kann sich vom Sex nichts kaufen, gekauftes ist hier schnell wieder verbraucht. Wie in eine Pinwand steckt er seine Einweg-Lust zur Erinnerung an unerledigtes, wie ein immer wiederkehrender Termin, eine sich regelmäßig wiederholende Triebbefriedigung. Wie das Riesenrad. Jede Kabine eine Frau, jede Runde ein Ticket. Ganz oben der Höhepunkt, ein auf körperliche Triebe reduzierter Orgasmus. Der Sehnsüchtige Ausblick auf die Stadt, der mit jeder Sekunde flacher wird, bis er letztendlich ganz schwindet, sich in der Lüge des kurzweiligen Ereignisses verliert.

Trauriges Trocking

Ich und meine beiden Schwestern freuen uns schon irrsinnig auf den bevorstehenden Familienausflug ins tropische Trocking am Äquator . „Griechischer Wein“ singend packen wir sämtliche sommerliche Textilien aus unserem gemeinsam bewirtschafteten, uralten Bauernschrank in einen Koffer mit 4-stelligem Zahlenschloss , verchromten rändern und schlagsicherem Gehäuse . Die Türen des schon etwas heruntergekommenen Land Rovers meiner Eltern geben genau 4 mal , beinahe gleichzeitig , ein Geräusch von sich und kurz darauf verschwinden über 50 negative Assoziationen für zwei Wochen in der vom Auspuff verursachten Emissionswolke Richtung Süden . Wie man sieht hat die Vorfreude die meine Geschwister und ich miteinander teilten auch geteilte Gründe, endlich wurde es einmal belohnt das ich 2 Jahre vor meinen Schwestern aus der Vagina meiner Mutter kroch . Zum ersten mal seit ich mich bei einer Wanderung für 3 Tage ohne Essen verirrt habe und auch fast dabei starb, war ich länger als einen Abend alleine , und das beste dabei ist , dass in diesem Falle länger als ein Abend zwei Wochen bedeuten . Ich löse meinen Blick von dem immer kleiner werdenden Vehikel , doch mehr weil mir die Augen vom Rauch brennen als aus bloßem Sinn für Dramatik , und verkrieche mich ins Haus . Wenn mich doch nur dieser gottverdammte Hund nicht so an die übliche Familienharmonie erinnern würde! Ich packe ihn am mit kleinen Penisen verzierten Halsband und zerre ihn in den Raum der am weitesten von meinem Zimmer entfernt ist , die Abstellkammer , und versperre die Tür . Ich erhoffe mir von dieser Maßnahme ein baldiges dahinscheiden dieses Scheissviehs , denn früher oder später werde ich das Fahrrad aus der Kammer brauchen . Mir gefällt der Gedanke den Kadaver dann zusammen mit dem Fahrrad von der Brücke gleich um die Ecke in den Fluss zu werfen , denn eigentlich hasse ich dieses Leuchtgelbe Citybike - Ha! Das haben sie davon , ich hab doch gesagt ich will ein Mountainbike , aber sie wollten ja nicht auf mich hören . Nun , da ich alleine bin , und man die Seelenruhe im Haus förmlich spüren kann , setze ich mich vor den Fernseher und schalte ihn mittels Fernbedienung ein . Auf Kanal 1 läuft eine blutige Schießerei zwischen Polizisten und schwarzen kriminellen , wobei sich die Polizisten, nachdem sie alle schwarzen kriminellen niedergeschossen haben , lachend und sich die Hände schüttelnd musternd über die Opfer beugen . Relativ amüsant , aber für meinen Geschmack doch etwas zu offensichtlich verdorben . Im nächsten Kanal beobachte ich kurz wie ein, ebenfalls bei seiner Arbeit lachender ,Fernsehkoch ein totes Stück Schwein in zierlich dünne , nahezu ästhetisch wirkende Scheibchen schneidet . Ich greife mit der Hand in meinen BH um mein Taschentuch zur Hand zu nehmen , da ich bemerkt habe das mir seit Kanal 2 Speichel aus dem rechten Mundwinkel rinnt , und wische alles sorgfältig weg . "Hör auf damit, ich habe tierischen Hunger!" rüge ich den Tierverwerter mit immer noch von Speichel geflutetem Mundwerk . Da er sich von meinem Befehl nicht sonderlich beeindruckt zeigt "Zappe" ich weiter in Richtung Totalverblödung . Meine Hand fängt völlig erwarteter Weise irgendwo zwischen Kanal 10 und 15 an sich zu verkrampfen , woraufhin ich synchron mit dem Ende des Satzes einer 13 jährigen asiatischen Prostetuierten im Zuge folgender Aussage im rahmen eines fernsehinterviews "Ich habe mein ganzes Leben weggeworfen" das Leben meiner Fernbedienung durch einen gezielten Wurf auf das Familienphoto an der Nordwand des Zimmers ebenfalls wegwarf . Es ist nur eine Frage der Zeit bis ich auch mein eigenes Leben , vermutlich das einzige das ich habe , ebenfalls beende . Was mir jedoch fehlt ist eine des Selbstmordes würdige Idee , Ich brauche die ästhetik eines Schwans und nicht die einer Ente , eine sämtliche Grenzen der abartigkeit sprengende Variante meine Seele von dieser Welt zu entfernen . Ich will mit der Gewissheit zugrunde gehen dass meine Mutter nicht weint sondern entsetzlich schreit, mein Vater an seiner Trauer zerbricht und nicht nur trauert und mein Tod das zukünftige Leben meiner Schwestern zur Qual macht . Mein Tod wird den ohnehin schon mikrigen Zusammenhalt meiner Familie auf konsequente Weise brechen , und ihre Gehirne mit der Frage "Was denn nur der Grund dafür sei, das ich den unrentablen Tausch von Leben gegen Tod einging" , derartig überfordern das sie nicht mehr in der Lage sein werden auch nur irgendeinen klaren Gedanken zu fassen . Ich werde ihnen etwas antun, auf meine Weise , ich werde mich , so sie mit ihrem wagen erholt vom urlaub die Einfahrtsstraße zum Haus entlang fahren , mit einer derartigen Zielsicherheit unter die Räder werfen , dass sie keine Chance haben werden meine Entscheidung anzuzweifeln , diesesmal gibt es keine Diskussion , und kein wenn und aber , und vor der bestrafung für mein verantwortungsloses Handeln habe ich diesmal keine Angst .

Zusatzzahl

Ich dämpfe meine Zigarette aus und wende mich mit einem leisen, aber ehrlichen Seufzer einem jungen, männlichen Kunden zu. „Ist der Film gut?“ fragt er mich in der für ihn selbstverständlichen Erwartung, dass ich den Inhalt aller Filme kenne.

„Ja, der ist besonders gut“ sage ich mit überzeugter Stimme. “Die lustigen Sexspielchen unserer Nachbarn“ lese ich auf dem Etikett, und reiche ihm den Film über den Verkaufstisch, jedoch nicht ohne zum Abschied missbilligend zu grinsen. Ich sehe die Wanduhr auf zehn vor fünf stehen, werfe einen Blick zwischen die Regale, so niemand da ist nehme ich meinen Lottoschein zur Hand, und setze geschwind meine Kreuzerl auf die Zahlen sieben, sechzehn, siebenundzwanzig, sechsunddreißig, siebenunddreißig, sechsundvierzig und die Zusatzzahl, denke ich mir in der klaren Stimme der Lotto-Dame, muss die Nummer acht sein! Ich falte den Zettel auf pedantische Art genau zweimal, ziehe die Kanten mit dem Daumennagel nach, sowie ich meinen Kollegen bei der Tür vernehme gehe ich ihm entgegen, wir wechseln kurz Worte und tauschen sodann Freizeit und Arbeit untereinander aus. Es endet die fünfte Nachmittagsstunde eines sonnigen, aber kalten Wintertages, von einer Katastrophe noch nichts ahnend, fahre ich mit meinem altersschwachen Peugeot in meine Wohnung. Ich treibe auf Gedanken und Erinnerungen, sowie zumeist während des Autofahrens, doch quält mich ein Gefühl, welches ich nicht einzuordnen vermag. Wintersmüde lege ich mich, nachdem ich gegessen habe ins Bett. Ich träume von läutenden Glocken, ein Läuten das immer lauter und realer wird, und als sich mir plötzlich die Lieder öffnen, sehe ich in das lärmende, tobende Gesicht meines Weckers. Eine Zeit lang kämpfe ich noch mit dem Aufstehen, bis ich mich letztendlich, von Maulwurfsmimik gezeichnet im Bad dem Spiegel stelle. Wie jeden Morgen quäle ich mich durch die rituellen Waschungen, und die obligate Nahrungsaufnahme, fürchte schon jetzt die draußen lauernde beißende Kälte. Dem nicht genug, befreie ich auch noch die Scheiben meines Wagens vom Nachteis, ehe ich nach mehrmaligen Startversuchen angewidert in die Videothek fahre. Bei mir offenbart sich die Stimmung die mich den Tag lang begleiten wird leider allzu oft bereits am Morgen, lieblich konsequent setzt sie sich noch Stunden nach dem eigentlichen Stimmungstief fort. Ich gehe vom Auto zur Eingangstür der Videothek, ziehe die Post hinter der Türschnalle heraus, greife mit der anderen Hand zum Schlüssel und stecke ihn in das Loch. Ich muss fest daran Rütteln, unerwartet öffnet sie sich, und bringt mich beinahe zu Fall. Wie bei einer Schlägerei, wenn das Gegenüber ausweicht denke ich mir. Mit dem Einrasten der Tür hinter mir, macht sich ein unangenehmes Gefühl in mir breit, es ist diese erdrückende Leere eines schlecht beleuchteten, großen Videofilm-staubigen Raumes, die ich immer mit diesem Geräusch zusammen erfahre. Nun gilt es zu kontrollieren ob die Filme alle ordentlich auf ihrem Platz stehen, jedoch habe ich keine Lust darauf, der Chef kommt heute ohnehin nicht. Von der rauchigen Luft verführt, zünde ich mir die erste Zigarette an, und inhaliere den Rauch tief und genüsslich. An so einem Tag wie heute freue ich mich auf den ersten Kunden, der wie ich hoffe ein gesprächiger sein wird. Man fühlt sich oft so alleine auf dieser Welt. Eben damit beschäftigt die drei Fernseher auf den Sportkanal einzuschalten, höre ich schon wie sich die Tür öffnet, und sich mit großen schweren Schritten jemand nähert. „Morgen“, sage ich ihm schon bevor ich ihn sehe entgegen. Er erwidert meinen Gruß ohne mich anzusehen, und geht geradewegs zur Kassa. Er scheint groß zu sein, 1,90 vielleicht, und ist ganz in schwarz gekleidet, als ob er damit die offensichtliche Bleiche seines Gesichtes hervorzuheben gedenkt. Ich folge ihm, und er legt - erneut ohne mich anzusehen - den Film auf den Ladentisch und blickt ausweichend umher. „Macht 2,20“, sage ich. Er legt das Geld kommentarlos hin, verleiht seiner Handlung durch den Lärm mit dem er die Münze auf das Holz drückt jedoch zureichend Deutlichkeit. So teilnahmslos wie er gekommen ist, geht er auch wieder, wie ein Phantom, der Vorbote eines schlechten Tages denke ich mir. Eines normalen schlechten Tages. Der Tag setzt sich auf gewohnt monotone Weise fort, in etwa viertelstündlich blicke ich auf die Uhr, und bediene einen Kunden nach dem anderen. Doch bediene ich in Wirklichkeit niemanden, außer der Zeit die lachend auf mich herabblickt, und ihr Urteil mit Genuss ganz langsam vollstreckt. Es ist gerade vierzehn Uhr, als ich die letzte Zigarette aus meiner Schachtel ziehe. Dann, als ob Sucht und Feuer einen Packt gegen mich geschlossen hätten, sehe ich mich das letzte Streichholz herausnehmen. Ich durchsuche die Taschen meiner Jacke nach einem Feuerzeug, grabe tief und genau, als ich ein Stück Papier spüre, ziehe ich es hastig heraus. Mich durchfährt ein kurzer Schreck, ein ebensolches Gefühl das man verspürt wenn man etwas Wichtiges vergisst, wie einen Lottoschein aufzugeben. Ein Teil meiner alltäglichen Monotonie wurde durch diesen Fehler gestört, ich vergesse normalerweise nie, diesen blöden Schein aufzugeben. Doch von meiner primären Sucht getrieben stecke ich ihn zurück in die Tasche, denke mir „was soll’s“, und setze meine Suche nach Streichhölzern fort. Als ich keine finde, zünde ich meine letzte Zigarette mit dem gleichsam letzten Streichholz an, und fühle mich wie so oft, als Versager. Wieso muss immer alles so verkehrt laufen? Ich verfluche diesen Ort, mein zu Hause, mein Auto, die Streichholzindustrie, die Lottoindustrie, einfach alles, und wenn ich Freunde hätte, würde ich diese wohl auch verfluchen. Ein Mann tritt aus dem Vorhang der den Porno Bereich vom Kinderfreundlichen abtrennt hervor und kommt seinen Blick fest auf mich gerichtet näher. „Tag mein Herr“; begrüßt er mich mit überzogener Freundlichkeit. Er legt das Kärtchen mit der Filmnummer auf den Tisch, ein Mann von kleinem Wuchs, etwas ungepflegt, mit wachem, forschendem Blick. Während ich den Film im Regal suche, höre ich ihn mit etwas Rascheln, und als ich mich ihm zuwende sehe ich ihn, mit schier animalischer Gier einen Schokoriegel in sich hineinstopfen. “Hier bitte, Documents of Sin“, sage ich während ich ihm den Film rüberschiebe. „Ja, der is sicher Geil“, sagt er schmatzend. Er öffnet den Film, scheinbar um den Titel zu kontrollieren, und will etwas sagen, doch als ihm ein Stück Schokolade aus dem Mund fällt, hält er kurz inne, nickt noch etwas verlegen und geht. Ich kenne diesen Mann, er ist öfters hier, borgt ich Pornos aus und kommt schon nach zwei Stunden wieder und gibt sie zufrieden über seinen selbst inszenierten Ritt wieder zurück. Mir ekelt es vor diesem Menschen, auch wenn dieser Ekel nicht frei von Mitleid ist, ein bemitleidenswertes Geschöpf, das als letzten Ausweg aus seiner Unfähigkeit dem anderen Geschlecht zu begegnen, die zwanghafte Selbstbefriedigung sieht. Die Zeit scheint nun auf Versöhnung aus zu sein, denn die letzten Stunden verstreichen recht schnell. Man hat oft nur das lang ersehnte Ende eines Arbeitstages im Kopf und vergisst darauf die Zeit wahrzunehmen, und wahrnehmen heißt in meinem Falle, ständig auf die Uhr zu sehen. Das erste Mal seit acht Stunden verspüre ich wahre Freude, und beginne, wohl aus plötzlichem Glücksgefühl heraus, zu pfeifen. Diese freudige Stimmung, setzt sich ganz entgegen meiner Natur noch eine Zeit lang fort. Alles scheint sich mir plötzlich viel unbeschwerlicher zu öffnen, und wenn ich guten Gemüts bin, was selten der Fall ist, brauche ich nicht nach dem Sinn alltäglicher Handlungen zu suchen, dann sind es die Handlungen selbst die Sinnstiftend sind. Handlungen wie eine Tür ohne größere Probleme zu öffnen und anschließend wieder zu schließen. Bald werde ich zu Hause sein, die Kühlschranktür öffnen, und damit das Fundament für einen gemütlichen Fernseh-Abend legen.

Das rauschen des Fernsehers deckt sich mittlerweile mit dem Summen des Kühlschranks und dem Gluckern des Heizkörpers, wenn ich ein Radio hätte würde es dieses harmonische Zusammenspiel mit Sicherheit bereichern. Vier glorreiche Erfindungen unserer Zeit. Kühlschrank kühlt, Heizkörper wärmt, Radio irritiert, Fernseher macht dumm. Es wird Zeit für die Lottoziehung und ich bin mir nicht sicher ob es eine gute Idee ist den Schein doch noch aus der Tasche zu holen, letztendlich werde ich aber doch nichts gewinnen, also bin ich masochistisch genug und hole ihn.

sieben, sechzehn, siebenundzwanzig, sechsunddreißig, siebenunddreißig, sechsundvierzig und die Zusatzzahl, höre ich in der fatalen Stimme der Lotto-Dame, ist die Nummer acht!

Mir wird ein wenig heiß im Kopf und ich merke wie sich die volle Kontrolle über meine Glieder löst. Das Summen des Fernsehers wird plötzlich wichtiger als die Symphonie der restlichen Geräte. Mir wird übel und ich will mich übergeben. Ich vergleiche die Nummern wieder und wieder und will es einfach nicht glauben. Ich habe einige theoretisch gewonnene Millionen praktisch verloren. Das Haus, die Yacht an der Costa Smeralda, die Frauen, der Fame, the money and the honey - alles verloren.

Menschen in schönen Häusern mit einer netten Familie haben es schön, Hunde haben es schön, mein Nachbar hat es schön, er ist 87 und hat eine attraktive rumänische Pflegehilfe die ihn täglich füttert. Menschen die täglich in einer heruntergekommenen Videothek mit heruntergekommenen Kunden über heruntergekommene Filme sprechen und alle fünf Minuten auf eine Uhr starren haben es nicht schön. Solche Menschen sind zum verlieren geboren. Ich vergesse plötzlich meine Vergangenheit, meine Zukunft und meine Gegenwart, denn nur eine einzige Macht hält mich in diesen Minuten der Verzweiflung voll und ganz in ihrem Bann. Die Macht des Geldes und die Tatsache, dass ich den Gewinn meines Lebens aufgrund einer vergesslichen Eigenschaft meiner bemitleidenswerten Person verspielt habe. Geld tritt hier an die Stelle von allem was ich mir immer erträumt habe. Meine grundsätzliche Lethargie hätte sich in manischen Produktivitätsdrang verwandelt. Kaufen ist Produktivität, Glücklich-Sein ist Produktivität. Die theoretische Verfügbarkeit von Millionen lässt mich über Dinge phantasieren die zu erreichen ich nie erträumt hätte. Dinge die heutzutage begehrter sind, als die Werte die sie repräsentieren. Haus, Yacht, Mercedes sind Wohlstand, sind „Glück“, sind Prestige. Frauen, Familie, Ansehen sind Sinn, sind ein respektables Leben führen. Respekt ist Glück.

Aufgrund dieses niederschmetternd-aufbauenden Ereignisses in meinem Leben wurde ich zum personifizierten Mercedes in charakterlicher Symetrie mit meinem alten Peugeot, zum Haus im Mensch, zur Yacht wenn ich in meiner Badewanne Bade und zum Frauenschwarm wenn ich mein erstes Date seit über zwei Jahren antrete. Ich habe gelernt mich nicht auf materiellen Wert-Ersatz zu verlassen, denn ich durfte die Vergänglichkeit von Geld innerhalb weniger Minuten durch meinen theoretischen Frauenschwarm-Körper davon rauschen spüren.

Ich brauche jetzt keine teuren Dinge mehr, denn ich bin das Ding und alles was es inkorporiert. Scheiss auf die Dinge. Wer braucht sie schon, diese hochgelobten Lotto-Gewinn-Dinge.

A Note from Humanity(Brief an Sie, dt.)

Ich habe den Mächtigen dieser Welt ein Angebot zu machen. Aber keines jener „Angebote“, dass Regierungen reicher Länder jenen der Armen machen, kein Angebot des Teufels nach dessen Wüten man sich auch noch verschuldet, als ob arme Menschen für die Tatsache durch die Hand anderer arm geworden zu sein zahlen müssten. Mein Angebot ergibt sich aus dem Wissen, dass die Natur eines Menschen in gesunder und sorgenfreier Existenz und Co-Existenz mit seinen Mitmenschen liegt, und nicht in Hungersnöten, Kriegen und ständiger Angst vor dem nächsten Befreiungskrieg im Namen von Demokratie und Freiheit. Inwieweit der Irak heute „demokratisiert“ ist kann man jeden Tag an den Nachrichten ablesen, und um den „Demokratischen Irak“ in fünf Jahren zu erahnen braucht man kein „The Economist“ Jahresabonnent zu sein, denn während eines Bürgerkrieges geht man nicht wählen, man stirbt oder tötet, oder versteckt sich. Dass das „Land der Freiheit“ – die U.S.A. - heute kaum Entscheidungsfreiheit und Mitspracherecht für seine Bürger und Bürgerinnen bietet ist traurig aber wahr. Denn die Wahl zwischen zwei Politikern, hinter deren Fassade die gleiche US-Machtmaschinerie arbeitet lässt einem wenig Spielraum. Aggression hat Aggression zu Folge.

Ich wundere mich nicht, wenn ich Bomben höre, ich bin überrascht höre ich sie nicht.

Traurig ist es, dass zunehmend gewaltfreie Meinungskundgebungen von Regierungen unterdrückt und zerschlagen werden. Die Masse wird als Macht nicht mehr ernst genommen und Meinungen von Millionen von Menschen werden ignoriert. Die natürliche Erweiterung von ignorierten Gewaltfreien Demonstrationen wären gewalttätige Demonstrationen, für viele Palästinenser Terrorismus. 60 Jahre Israelische und Amerikanische Ignoranz haben ihre Wirkung.

Wer nicht hören will muss fühlen.

So gebt euch doch bitte die Hand ihr mächtigen unserer schönen Welt und bringt wieder Blumen in die Träume unserer Kinder. Legt alle gleichzeitig eure Waffen nieder und ihr werdet sehen wie gut die Welt ohne Uranium duftet. Ich träume von einer Welt in der es möglich ist Mensch zu sein ohne die sterbende andere Hälfte ignorieren zu müssen. Denn darum geht es letztendlich, darum Mensch zu sein, ein Leben zu leben ohne die Hälfte der Familienmitglieder in einer Hungersnot zu verlieren, ohne ein Bein an das Maul einer vom langen herumliegen hungrig gewordenen Tretmine zu verlieren.

Wir wollen leben. Alle! Nicht nur jene Länder die von den Früchten der korporativen Globalisierung speisen, auch jene die von ihr ausgebeutet werden. Seit den 70er Jahren gibt es genügend Nahrung auf der Welt um jeden Menschen zu ernähren. Kommunaler Verstoß gegen das Menschenrecht auf Nahrung, und jeder von uns ist schuld so lange wir schweigen. Es ist Zeit sich zu bewegen, zu schreiben, zu schreien und zu erzählen. Es gibt unzählige Möglichkeiten sich zu engagieren. Mit Kunst, Musik und Literatur erreicht man viele Menschen, man erreicht ihre Herzen. Leben wir unseren Widerstand und versuchen wir nicht weiter in einer Zwangsillusion zu leben, die Wahrheit ist nicht angenehm ich weiß.

Boykottiert Produkte von CocaCola, Procter&Gamble und Mc Donalds. Versucht mit wenig Öl und Benzin auszukommen. Kauft FairTrade Produkte – die großen Konzerne, vor allem U.S. Amerikanische, so weit als möglich meiden! Denn sie haben Teil am traurigen Spiel mit unserer Welt. Wir sollten beginnen, diese großen Konzerne zu meiden, denn sie sind es, die uns die Demokratie stehlen. Die Internationale Wirtschaft trifft ihre eigenen Entscheidungen, abseits von Demokratie und Menschenrechten. Bildet euer Bewusstsein darüber, dass uns Bürgern und Bürgerinnen unser kommunales und individuelles Mitbestimmungsrecht und unser Recht angemessen zu leben zunehmend beschnitten wird. Im Moment scheint die Nordhalbkugel die privilegiertere zu sein, doch Weltreiche kommen und gehen lehrt uns die Geschichte, und ich spüre ihn, den Wind des Umbruchs. Ich kann ihn sehen in Südamerika, im Nahen Osten und in den Köpfen vieler Menschen. Ich spüre ihn jeden neuen Tag an dem ich hinnehmen muss, dass wieder Tausende von Menschen an Unterernährung, AIDS, Krieg oder Sanktionen sterben ( 2 Millionen Kinder erlagen den Wirtschaftssanktionen gegen den Irak).

Ich spüre den Widerstand in mir.

A Note from Humanity

I would like to make a suggestion to the mighty of our world. But non of those “proposals” which the governments of wealthy countries usually make to the poor countries, no deal with the devil that is pushing poor countries even further into debts, as if poor countries had to pay for the impoverishment due to richer countries interventions. My suggestion is a result of the knowledge that the nature of human beings lays in the healthy and respected existence and co-existence with fellow humans, and not in starvation, conflicts, suppressions and the constant fear of the next war in the name of freedom and democracy to rage. Though some individuals nature seems to lie in the very opposite of this. I can see it in everyday news, how democratised Iraq has become since the pre-emptive strike, and to guess the way of establishment of democracy in Iraq for the next five years one doesn’t have to be a maniac reader of “The Economist”, because civil war usually keeps people away from electing wannabe governments. You don’t go to elections when your country suffers from civil war. You die, kill or hide. That the “Nation of Freedom” – the U.S.A. – doesn’t provide its citizen with much of a choice in democratic elections is a pity but true. Having the choice between two politicians behind which the same corporative power is making the decisions is lacking of that good old democracy spirit. Aggression is causing Aggression.

I don’t wonder anymore hearing bombs crush down every day, I would indeed if there where none.

It is sad that there is an increasing willingness of “democratic governments” to suppress and crush peaceful demonstrations and non-violent resistance. They don’t seem to take the people and human masses serious anymore, and opinions of millions of people are simply ignored. It is obvious that the natural extension of suppressed and ignored non-violent resistance is violence as a last resort, as seen in Palestine where terrorism seems to be the last relief of public expression. Many years of Israeli and American ignorance are being brought to the surface.

Nobody listened, now everybody has to feel.

So take each other’s hand you mighty people of our beautiful world and bring flowers back into the dreams of our children. But down all your weapons subsequently and be surprised by the scent of a world without uranium. I dream of a world in which it is possible to live without having to ignore the dying second half of worlds population. This is what life is about, being human, living ones live without losing have of the family due to famine, without losing a leg to the throat of a landmine which became hungry from all the years of lying around “useless”.

We would like to live. All of us! Not just those who enjoy the fruits of corporate Globalisation, as well those who get exploited and suffer from the very same system others take their profit from. Since the 70´s there is officially enough food in the world to feed all of it’s population. Communal human rights abuse, and all of us are guilty as long as we remain silent. It is time to move, to write, to scream and to speak out. There are endless ways of expression. With Arts, Music and Literature one can reach many people, reach the cores of their hearts. Let’s live our resistance and try not to die in Illusion, the truth is not convenient, I know.

Refuse Products of the big economic giants whose names and irresponsibility we all are aware of. Try to get along with less oil and fuel. Buy fair traded Products – avoid the big companies, big U.S. corporations respectively, because it was them who stole of us the last peace of democracy and keep on playing with our beautiful world. Become independent. International Corporations take their own decisions, far away from democracy and human rights. We have to become conscious about the fact that our communal and individual right of co-determination has been violated by worst. At the moment the northern hemisphere seems to be the privileged one, but Empires rise and fall as history teaches us, already I can feel the Wind of Change. I can see it in South America, in the Middle East and in the heads of many fellow thinkers in this world. I feel it every new day at which I have to deal with thousands of people who starve, suffer from malnutrition, die of AIDS, war or Sanctions (about 2 million children died due to the UN Sanctions on Iraq).

I can feel it rising inside myself. I feel the resistance.

Anna Sidibeh, Unternehmerin aus Gambia, erzählt vom Leben der Frauen in Mehrfachehen und davon, was es bedeutet eine Frau in Gambia zu sein.

„Man fühlt sich als Frau ständig verpflichtet besonders schön und attraktiv für den eigenen Mann zu sein, teilweise aus Angst ersetzt zu werden.“

Könnten sie mir etwas über ihre Kindheit und Jugend erzählen. Gab es viel Konkurrenz zwischen Ihnen und Ihren Brüdern und Schwestern?

Wir sind eine sehr große Familie und ich habe viele Schwestern. Da ich die älteste bin, trug ich auch immer den größten Teil der Verantwortung. Im Familienverbund, den man sich wie ein kleines familiäres Dorf vorstellen muss, gibt es separate Häuser für Jungen und Mädchen. Heiratet ein weibliches Mitglied der Familie, übersiedelt sie üblicherweise in den Verbund der Familie ihres Ehemannes. Die Konkurrenz zwischen Frauen ist besonders hoch, das spürte ich immer mehr umso älter ich wurde. Eine Frau wird in der Öffentlichkeit immer versuchen, ihren Status in angemessener Weise nach außen zu tragen. Ich muss bei Taufen und anderen öffentlichen und zeremoniellen Veranstaltungen meinen Goldschmuck aus Dubai und mein bestes Kleid tragen. Täte ich das nicht, würde man hinter meinem Rücken schlecht über mich und meine Familie reden.

Hat das etwas mit den Erwartungen zu tun, die in eine gute Familie gesetzt werden? Welche Erwartungen hat man in Gambia an Frauen und welche an Männer?

Ja. Man erwartet von mir, dass ich meinen Wohlstand zeige. Andere Leute, und andere Frauen im Besonderen, würden mir nachsagen, von meinem Mann nicht gut versorgt zu werden. Es wird so viel hinter dem Rücken geredet, das stört mich besonders.

An eine Frau werden hohe Erwartungen gestellt. Sowohl von familiärer Seite, als auch von ihrem Ehemann. Sehen sie sich hier um, es gibt keine Frau die nicht den ganzen Tag arbeitet. Zusätzlich wird von ihr als Ehefrau erwartet, ständig für ihren Mann attraktiv zu sein. Die meisten Männer sind faul (lacht). Sie haben jedenfalls einen hohen Preis zu zahlen, wenn sie heiraten. Für den Brautpreis aufkommen zu müssen, ist eine schwere Last für viele junge Männer. Daher können sich viele eine Hochzeit erst recht spät leisten.

Sind Mehrfach-Ehen in Gambia sehr verbreitet?

Ja, sehr. Ich würde sagen, dass in etwa 80% aller Männer in Gambia zwei oder mehr Frauen heiraten. Das schlimme für uns Frauen ist, dass wir ständig Angst haben müssen, unser Mann trifft vielleicht eine Andere. Viele Männer machen es sich auf diese Weise gemütlich. Sie heiraten ihre erste Frau und behalten sie als einzige bis sie älter und weniger attraktiv ist, dann heiraten sie erneut, und zwar eine junge frische. Man fühlt sich als Frau ständig verpflichtet besonders schön und attraktiv für den eigenen Mann zu sein, teilweise aus Angst ersetzt zu werden.

Würde ein Ehepaar darauf hoffen mehr Jungen oder mehr Mädchen zu bekommen?

Die Männer freuen sich normalerweise mehr über einen Sohn, die Frauen mehr über eine Tochter. Das ist an sich nichts außergewöhnliches, ich denke damit geht es vielen ähnlich. Leider wird ein Junge oft auch aus anderen Gründen lieber gesehen. Der Verbund wird eben nur vergrößert, wenn ein Sohn eine Frau heiratet und nicht umgekehrt. Bekommt ein Paar nur Töchter und keine Söhne, besteht grundsätzlich die Möglichkeit, einen zugeheirateten Mann im Verbund der Frau leben zu lassen, was aber eher selten vorkommt.

Viele Frauen aus Europa kommen nach Gambia um sich mit jungen Männern zu vergnügen, einige zahlen Geld dafür. Wie sehen Sie diese jungen Männer, die sich den Touristinnen verkaufen?

Ich sehe es jeden Tag hier in dieser Strandbar, es ist wie Kino. Für viele hat es jedoch einen ernsten Hintergrund. Sie wissen, es gibt nicht viele Möglichkeiten der Erwerbstätigkeit für junge GambianerInnen in ihrem eigenen Land. Der Tourismus ist für viele die einzige Möglichkeit, an mehr Geld zu kommen. Ein Teil des Tourismus ist eben der sogenannte „Sex Tourismus“. Die Männer erwarten sich oft einfach nur ein Ticket nach Europa, oder zumindest Unterstützung. Es ist sehr leicht psychisch in eine zwischenmenschliche Beziehung verwickelt zu werden, das machen sich hier viele junge Männer zunutze. Ich kenne ein älteres Ehepaar aus England. Sie vergnügt sich mit einem jungen Gambianer, er sieht zu und toleriert es. Es scheint ihn nicht zu stören.